Tiere
Graupapagei

Der Graupapagei ist das Sprachgenie unter den Papageien. - Foto © dpa Picture-Alliance GmbH

Bunte Genies

Papageien

  • Artikel vom 27. September 2010

Der Graupapagei saß ganz oben, auf dem Dach eines Hauses. Mitten in Tokio. Als es einem Polizisten gelang, ihn vorsichtig herunterzulocken und in eine Tierklinik zu transportieren, begann er plötzlich zu sprechen: "Guten Tag", sagte er höflich. "Ich heiße Yosuke Nakamura." Dann nannte er eine Adresse. Der Polizist überprüfte die Angaben – sie stimmten. Familie Nakamura bekam ihren Liebling wohlbehalten zurück. Zwei Jahre Sprachtraining mit Yosuke hatten sich ausgezahlt. Dass Papageien sprechen können, ist keine neue Erkenntnis. Bisher nahm man allerdings an, dass sie Laute nur imitieren.

Doch die US-Wissenschaftlerin Irene Pepperberg wies nach, dass Papageien auch die Bedeutung von Wörtern verstehen können – vorausgesetzt, sie werden richtig geschult. Die Chemikerin, die vor allem Gehirnaktivitäten von Tieren erforscht, arbeitete 30 Jahre lang mit ihrem Graupapagei Alex, der vor drei Jahren starb. Er konnte Farben und Formen, Material und Größe von Gegenständen unterscheiden, Wünsche äußern und zählen. Sein aktiver Wortschatz umfasste mehr als 100 Begriffe, verstehen konnte er sogar 500. Interessant ist Pepperbergs Urteil über Alex: "Ich glaube nicht, dass er ein Genie war. Dass er so viel gelernt hat, lag an seinem Umfeld." Das bedeutet: Was Alex konnte, könnten andere Papageien auch.

Alex war 15 Stunden am Tag mit Menschen zusammen, die mit ihm übten. Lange wurde Pepperberg belächelt, mittlerweile sind ihre Ergebnisse anerkannt. Der Hamburger Verhaltensbiologe Ralf Wanker nennt ihre Studien "revolutionär". Auch er ist von der außergewöhnlichen Intelligenz der Tiere überzeugt. Sie haben ein Gedächtnis und eine Art "Landkarte" im Kopf. Sie erinnern sich zum Beispiel an Orte, an denen sie Futter finden. Wanker: "Für mich sind Papageien die Primaten unter den Vögeln." Lange Zeit wurde das von Wissenschaftlern bezweifelt. Ihre Begründung: Das Gehirn der Vögel sei viel zu klein, die Großhirnrinde, bei Säugetieren zuständig für Denkleistung, fehle ihnen völlig. Doch Wanker betont, dass die Größe des Gehirns im Verhältnis zur Körpergröße gesehen werden muss.

Neue Forschungsergebnisse belegen zudem, dass bei Vögeln große Teile des Gehirns für die Intelligenzleistung zuständig sind. Wankers These: "Würde man das Gehirn der Papageien auf menschliche Größe bringen, wäre ihre Intelligenzabteilung größer als unsere." Hoch schätzt der Wissenschaftler auch die sprachlichen Fähigkeiten der Papageien ein. "Sieht man sich die Kommunikation der Tiere genau an, erkennt man viele ähnliche Elemente wie in der menschlichen Kommunikation." Seit 20 Jahren beobachtet der Biologe, wie sich Augensperlingspapageien miteinander austauschen.

Wankers spektakulärste Entdeckung: Sie geben sich gegenseitig Namen. "Jedenfalls bin ich der Meinung, dass es sich um echte Namensgebung handelt", so Wanker. "Aber das muss ich mit meinem Team noch genau belegen. Bisher konnten wir nur das 'Labeling' nachweisen." Also die Verwendung von bestimmten Kategorien wie "Mein Junges" oder "Mein Partner". Wanker: "Wir kommen der Sache immer näher."

Am Zoologischen Institut in Hamburg erforscht Wanker mit Studenten die Sprache der Papageien. Die Vögel werden räumlich getrennt, bleiben aber in Hörweite. Sein Team fand heraus, dass die Tiere mit jedem Ruf individuelle Informationen vermitteln: über sich, die eigene Familie, die Gruppe oder den Adressaten. Ausgangspunkt seiner Forschung waren Studienreisen in Kolumbien. Dort beobachtete Wanker, dass Papageien, die stets in großen Gemeinschaften leben, so etwas wie Kindergärten einrichten: Jede Familie bewohnt einen eigenen Baum. Wenn die Eltern tagsüber ausfliegen, werden alle Jungtiere in einem Baum gesammelt und von einem erwachsenen Tier betreut. Kommen die Eltern abends zurück, rufen sie ihre Jungen, und die Familie kehrt heim in ihren angestammten Baum.

Wanker sieht einen wesentlichen Zusammenhang zwischen dem Sozialverhalten und den sprachlichen Fähigkeiten. "Wir wissen, dass sich die Intelligenzleistungen bei Tieren mit ausgeprägtem Sozialverhalten besonders entwickelt haben. Je komplexer das Sozialsystem, desto komplexer die sprachliche Fähigkeit." Auch als Gruppe halten Papageien zusammen: Droht Gefahr, warnen sie sich. Um Feinde zu verscheuchen, veranstalten sie ein Riesenspektakel, das sogenannte "Mobbing". Der Wissenschaftler Ralf Wanker hat keinen Zweifel, dass Papageien ganz individuelle Persönlichkeiten sind: "In unserer Gruppe sind lauter verschiedene Charaktere – schüchterne, phlegmatische, freche und dominante Tiere. Papageien sind dem Menschen ähnlicher, als viele von uns ahnen.“

Beliebte Papageien-Arten

Wellensittich
Der kleine Kerl ist der Lieblingsvogel der Deutschen. Er misst keine 20 Zentimeter und kann 15 Jahre alt werden.

Kea
Er lebt in den Bergen Neuseelands und ist besonders keck und neugierig. Auf Nahrungssuche untersucht er alles.

Nymphensittich
Mit seiner Federhaube gehört er zu den Kakadus. Dank seiner Anpassungsfähigkeit ist er ein beliebtes Haustier.

Lori
Der farbenprächtige Vogel heißt wegen seiner pinselartig gefaserten Zungenspitze auch Pinselzungenpapagei.

Graupapagei
Das Sprachgenie unter den Papageien stammt aus Zentral- und Westafrika. Die Vögel können bis zu 60 Jahre alt werden.

Kakadu
Er ist extrem laut und gilt als der Spaßvogel unter seinen Artgenossen. Auffällig: die bewegliche Federhaube.

Ara
Er lebt in Süd- und Mittelamerika und zählt zu den größten Arten. Der Hellrote Ara erreicht eine Größe von einem Meter.

Foto Flashbühne © dpa Picture-Alliance GmbH

Autor: Thomas Kunze